Telegram: Eine Kanzlei stellt ihre (interne) Kommunikation um

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In den letzten Jahren etablierte sich WhatsApp nicht nur rasend im privaten – nein – auch im geschäftlichen Bereich. Die allermeisten Mitarbeiter hatten den Messanger-Dienst bereits auf dem Smartphone. Der Schritt zu einer eigenen Gruppe mit den (lieben) Kollegen war nicht weit. Die Handhabung ist bequem – warum also eine Alternative benutzen?

Eine persönliche Abwägung.

Ausgangssituation

WhatsApp verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Weltweit. Doch der Chat-Client stand in den letzten Jahren auch immer wieder negativ in den Schlagzeilen. Vor allem die Daten(un)sicherheit ist ein gravierendes Problem. Spätestens durch die Übernahme des ehemaligen Start-ups WhatsApp durch Facebook im Jahre 2014, wurden Datenschützer alarmiert. Lange – zu lange – dauerte es, bis das Unternehmen die sog. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einführte. Dadurch wurde die Übertragungssicherheit grundsätzlich erhöht. Nichtsdestoweniger bleiben viele wichtige Frage des Datenschutzes bis zum heutigen Tage ungeklärt. So ist die Datenweitergabe bzw. -nutzung  durch den Mutterkonzern Facebook wiederholt zur Debatte gestellt worden. Eng damit verbunden ist auch die Tatsache, dass sich die Server von WhatsApp in den USA befinden und damit nicht im unmittelbaren Anwendungsbereich des deutschen Datenschutzrechts. Diese ausgewählten Probleme – neben weiteren – waren und sind Gegenstand von gerichtlichen Auseinandersetzungen. Schon dadurch lässt sich das hohe Interesse an unseren persönlichen Daten durch WhatsApp – bzw. Facebook ablesen.

Fest steht: WhatsApp erfreut sich großer Beliebtheit und ist sehr verbreitet, aber viele grundsätzliche Datenschutzfragen sind offen. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar rief bereits in der Vergangenheit zum Verzicht von WhatsApp auf. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch die Stiftung Warentest – in vergangenen Tests schnitt der Messenger nicht gut ab.

Die Suche nach einer tauglichen Alternative

Meine Mitarbeiter und ich teilen diese Auffassung. Wir begleiten die aktuellen Entwicklungen im Bereich Datenschutz sehr genau. Beim „WhatsApp-bashing“ werden schnell Rufe nach Alternativen laut. Eines vorab: Jede dieser Alternativen ist – gemessen am Marktanteil von WhatsApp – ein echtes Nischenprodukt. Gleichwohl suchten und probierten wir einige Apps aus, um schlussendlich die Sicherheit unserer internen Kommunikation zu verbessern. Schon im Vorfeld stand fest, dass wir auf viele Funktionen von WhatsApp nicht mehr verzichten möchten: Verschlüsselung der Nachrichten, Gruppenfunktion, Sprachnachrichten, Screenshots, die Möglichkeit, Bilder und Videos verschicken zu können und ein leistungsfähiger Web-Client. Nicht zuletzt sollte die Performance der Alternative nicht schlechter sein. Mit diesem Anforderungsprofil wurde die Bandbreite der Mitbewerber schon relativ schmal. Im Gespräch waren am Ende drei Apps: Threema (kostenpflichtig), Signal und Telegram. Schlussendlich entschieden wir uns für Telegram.

Telegram – die eierlegende Wollmilchsau?

Das ist die wirklich spannende Frage.

Die Erfolgsgeschichte von Telegram startete 2013. Von Beginn stand die Verschlüsselung der Nachrichten, Bilder und Anrufe als zentrale Funktion im Mittelpunkt. Der erste, aber entscheidende, Unterschied zu WhatsApp.

Telegram charakterisiert sich durch die großen Dateimengen, die über die App versendet werden können. Es können Textnachrichten, Fotos, Videos und Dokumente bis zu 1,5 Gigabyte ohne Probleme verschickt werden. Selbst die meisten E-Mail-Clients können da nicht mithalten. Für diese großen Datenmengen arbeitet das Programm mit einer enormen Performance, die auch bei deutlich kleineren Dateigrößen Spaß beim Nutzer hervorruft.

Gruppenchats unterstützt der Messanger ebenfalls. Hier können Sie bis zu 1.000 Kontakte einer Gruppe hinzufügen.

Genauso wie bei WhatsApp können Sie bei Bedarf Ihren eigenen Standort in Echtzeit mit Kontakten teilen.

Im Unterschied zu WhatsApp werden Daten in der Cloud gespeichert, sodass Konversationen über mehrere Geräte hinweg synchronisiert werden können. Das hat den riesigen Vorteil, dass man Chats auch über die Client-Software für den PC oder Mac führen kann, ohne dass er mit dem Smartphone verbunden sein muss.

Hinsichtlich der Verschlüsselung unterstützt Telegram zwei Ebenen sicherer Verschlüsselung. Server-Client Verschlüsselung wird in Cloud-Chats (private Chats und Gruppenchats) eingesetzt. Darüberhinaus bietet die App auch sog. „Geheime Chats“ an. Diese setzen auf eine zusätzliche Ebene der Client-Client Verschlüsselung. Alle Daten – egal ob Texte, Medien oder Dateien – werden auf die gleiche Weise verschlüsselt.

Versehentlich oder fehlerhaft verschickte Nachrichten lassen sich zurückziehen – d.h. auch direkt beim Gesprächspartner nachtäglich (für alle) löschen.

Die Clientsoftware für den PC oder Mac überrascht mit intuitiver Nutzungsführung und einem Funktionsumfang, die andere Messengerdienste zum Zeitpunkt unseres Wechsels nicht boten. Ein Screenshot oder der Ausschnitt eines solchen via copy/paste zB über die Clientsoftware eines Messengerdienstes zu versenden, das konnte nur der von Telegram. Auch das Telefonieren über die Clientsoftware ist kein Problem.

Die App steht für iOS, Android und auch als spezieller Client für Desktoprechner zum Download zur Verfügung. Telegram ist ein Non-Profit-Projekt. In einem ICO sammelte Telegram im Februar 2018 850 Millionen $ für die Weiterentwicklung des Messengerdienstes. Wir gehen also davon aus, dass Telegram trotz der besseren Performance und des größeren Funktionsumfanges (im Vergleich zu WhatsApp) auch zukünftig kostenfrei bleiben wird.

Fazit

Unseren Anforderungskatalog erfüllt Telegram. Meine Mitarbeiter und ich erfreuen sich über den größeren Komfort und den Gewinn an Effektivität. Wir sind überzeugt, mit dem Wechsel zu Telegram unseren Anspruch auf zeitgemäße Kommunikation gerecht zu werden.

Bei aller Begeisterung sollten drei Aspekte nicht unerwähnt bleiben:

Erstens gibt es bei moderner Internet-Kommunikation keine uneingeschränkte Sicherheit. Es können nur Maßnahmen getroffen werden, um die Sicherheit zu erhöhen. Normalerweise ist dieser Schritt mit Einschränkungen verbunden. Auf der Seite des Leistungs- und Funktionsangebot konnten wir diese nicht feststellen.

Zweitens bleibt auch Telegram nicht vor schlechter Presse bewahrt: Die App wurde in der Vergangenheit als Kommunikationswerkzeug von Kriminellen und Terroristen aufgrund der hohen Sicherheit und Anonymität benutzt. Diese Diskussion über den möglichen Missbrauch von Verschlüsselungstechniken und Anonymisierung stellt sich allerdings nicht nur hier. Auch beim sog. Darknet ist ein solcher Fehlgebrauch nicht ausgeschlossen.

Zuletzt: Die meisten benutzen WhatsApp – ohne die aufgezeigten Gefahren anzuerkennen. Damit ist der Kreis der Nutzer bei Telegram – im Vergleich zu WhatsApp – (noch) überschaubar. Dennoch werden Sie überrascht sein, wenn Sie sich bei Telegram anmelden und dort Ihre Kontakte durchsuchen, wer nicht schon alles umgestiegen ist. Wir sind es auch. Wir sehen uns dort.

Update vom 24. März 2018
Telegram hat jetzt 200 Millionen monatlich aktive Nutzer.

Welchen Messenger benutzen Sie?

Welche Vor- und Nachteile sind Ihnen aufgefallen?

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Titelbild (CCO Public Domain)

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Über den Autor

Mein Name ist Julius S. Schoor. Ich bin Rechtsanwalt und spezialisiert auf IT-Vertragsrecht. Seit 2011 bin ich als Datenschutzbeauftragter TÜV-zertifiziert und bereits für mehrere Unternehmen als solcher offiziell bestellt.

7 Kommentare

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  • Guten Tag,
    ich benutze WhatsApp (Gruppenzwang) und Signal.
    Wie sieht es denn mit dem datenschutzrechtlich sehr bedenklichen Prozedere aus, dass man zunächst quasi alle Kontakte mit dem Anbieter teilen muss? Das macht man ja normalerweise ohne Einverständnis mit den Betroffenen.
    Wie ist das bei Telegram gelöst? Dazu habe ich im Artikel nichts gefunden.
    Danke!

    Micha 6 Monaten ago Reply


    • Julius S. Schoor

      Hallo Micha,

      es ist nicht mehr so, dass man alle Kontakte mit WhatsApp teilen muss, um den Messengerdienst nutzen zu können. Zugegebenermaßen ist damit dann auch naturgemäß die Nutzungsmöglichkeit mehr als beschränkt.
      Bei Telegram, wie bei Signal ist das letztlich nicht anders. Damit der Dienst aber erkennen kann, wen Sie anschreiben können und wen nicht, muss er irgendwie einen Abgleich machen können.
      Was also den Prozess des Kontaktabgleichs betrifft, sind also die Messengerdienste alle vergleichbar.
      Die Frage ist m.E. vielmehr: Handelt es sich bei dem Kontaktabgleich um eine reine Notwendigkeit, eine bestimmte Dienstfunktionalität vollumfänglich zur Verfügung stellen zu können, oder dient der Kontaktabgleich auch anderen Zwecken, z.B. des Profilings und der Werbung?
      WhatsApp ist ein Dienst des (neben Google) größten Unternehmens der Werbebranche. Und Telegram ist ein Non-Profit-Projekt.
      Das löst die Frage nach dem Einverständnis noch nicht.
      Wenn Sie da sauber bleiben wollen, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als einen eigenen Client, ein eigenes Smartphone alleine nur für den Messengerdienst zu nutzen. Dies enthält dann auch ausschließlich die Kontakte, von denen Sie vorab ein Einverständnis eingeholt haben, dass Sie sie über den entsprechenden Messengerdienst kontaktieren dürfen oder nicht.
      Wir hahandhaben das so, dass wir unsere Mandaten darauf aufmerksam machen, dass wir auch Telegram nutzen. Der Erstkontakt erfolgt dann vom Mandaten. Damit haben wir dann auch konkludent die Einwilligung von ihm.
      Nun obliegt es Ihrer Einschätzung, ob und welchem Dienst sie eher Ihre Kontakte anvertrauen wollen…

      Julius S. Schoor 6 Monaten ago Reply


      • Herzlichen Dank für diese sehr hilfreiche Antwort!

        Micha 6 Monaten ago Reply


  • Hallo Julius,

    habe von Kerstin deinen tollen Beitrag empfohlen bekommen. Dankeschön!

    Gibt es außer der Kosten einen Punkt, der mehr für Telegram statt für Threema spricht?

    Lieben Dank für die Antwort,
    Gregor

    Gregor on Tour 6 Monaten ago Reply


  • Hey Julius,

    danke für den tollen Artikel.
    Wie schaut es mit https://signal.org als Alternative aus, oder Threema? Bei letzterem bleiben die Daten in Europa, oder?

    Liebe Grüße,
    Christian

    Christian 5 Monaten ago Reply


  • Guten Tag,

    danke für den aufschlußreichen Artikel.

    Ein paar Fragen & Erkenntnisse dazu ob ich hier richtig liege:

    1. Telegram hat den Vorteil, dass es non profit ist und damit sozusagen kein anderes Ziel bei einem Telefonbuchabgleich hat, als das Finden anderer Telegram-Nutzer, korrekt?
    Whatsapp dagegen will facebook mit allem versorgen was geht und die Datenverarbeitung findet im “wilden Datenwesten USA“ statt, korrekt?

    2. Wo liegen die Telegram-Server?

    3. Ist Telegram DSGVO-Konform?

    4. Benötige ich bei einer beruflichen Nutzung auch immer noch ein schriftliches Kunden-Einverständnis zum messaging über Telegram OBWOHL MICH DIESER ZUERST ANGESCHRIEBEN HAT, was ich als Zustimmung verstehen darf?
    -> Darf ich es WIRKLICH so verstehen?

    5. Bietet mir Telegram ausreichenden und EU-konformen Datenschutz auch für die jetzt mal beispielhaft beschriebene 65 jährige Helga Müller die ich mit einer Festnetznummer im Diensthandy gespeichert habe und die, ohne sich wehren zu können, auch kurzzeitig von Telegram erfasst wird?

    6. Ist Telegram die Chance auf serious Messaging für Diensthandys?

    Durch die Einführung der DSGVO in der EU wird dringends nach einer whatsapp Alternativlösung gesucht…

    Ich würde mich sehr über Antworten freuen…

    PS: Wirtschaftliche Interessen stehen nicht hinter meiner Fragestellung. Ich bin tätig für einen gemeinnützigen Verein 🙂

    Philipp Velte

    Philipp Velte 4 Monaten ago Reply


  • Hallo,

    Sie können Telegram gar nicht datenschutzkonform einsetzen. Oder konnten Sie etwa einen Auftragsverarbeitungsvertrag mit der Telegram Messenger LLP abschließen?

    RA

    RA 4 Monaten ago Reply


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